Finance Forum

Ausblick 2019: Driften die USA und Europa auseinander? Welche Rolle spielt Blockchain?

5. Dezember 2018

Das Jahr 2018 steht vor dem Ende und das neue Jahr kündigt sich an. Zeit für einen Blick in die Zukunft der Finanzmärkte. Genau den unternahmen Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer (CIO) der Bethmann Bank, und Blockchain-Experte Patrick Lowry nun auf Einladung von Prospery in Frankfurt.

Ausblick 2019

Die USA, China, Europa – drei wichtige Regionen für die Weltwirtschaft, drei Regionen mit völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Herausforderungen. So schilderte es Reinhard Pfingsten, CIO der Bethmann Bank, beim Prospery Finance Forum in Frankfurt. In den USA etwa hat die Frage, wie sich die Inflationsrate und – mit ihr – die Leitzinsen entwickeln werden, einen großen Einfluss auf die öffentliche Diskussion. „Die Frage ist, wo die Zinsen hingehen – und wo die Inflation hingeht“, erläuterte Pfingsten. „Gibt es dabei ein Problem, landen wir womöglich in einer Rezession, wenn nicht, allenfalls in einer Korrektur.“ Prinzipiell ist der Experte dabei eher optimistisch eingestellt – was auch damit zu tun hat, dass die Marktteilnehmer im Durchschnitt mit fünf Leitzinserhöhungen der US-amerikanischen Notenbank Fed im kommenden Jahr rechnen, er aber lediglich mit dreien.

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Hinzu kommt die weiterhin brummende Konjunktur im Land der offenbar nach wie vor unbegrenzten Möglichkeiten: Für 2019 wird ein Wachstum der Unternehmensgewinne um 8 Prozent erwartet – entsprechend könnten sich auch die US-amerikanischen Aktienmärkte weiterhin positiv entwickeln.

Europa und insbesondere Deutschland stellen derzeit in mancherlei Hinsicht ein echtes Kontrastprogramm zum Boom der USA dar. „Der DAX und die US-amerikanische Börse sind zuletzt vor allem aufgrund der stark unterschiedlichen Gewinnentwicklung auseinandergedriftet“, so Pfingsten. Die Entwicklung der deutschen Wirtschaft sei dabei lange überschätzt worden. Ergebnis: Allein Daimler habe zwei Gewinnwarnungen veröffentlichen müssen, unter dem Strich schrumpfte die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sogar um 0,2 Prozent. Völlig dürfte die Diskrepanz zwischen den USA und Deutschland auch im kommenden Jahr nicht verschwinden, prognostiziert Pfingsten: „Eine gewisse Schere bleibt. Das Gewinnwachstum in Deutschland wird schwach bleiben, weil auch die Automobilindustrie schwach bleibt.“ An eine Rezession glaubt der Experte dennoch nicht, wohl aber an stärkere Kursschwankungen. „Volatilität ist normal. Wir waren in den vergangenen Jahren allerdings verwöhnt, weil die Notenbanken Geld in den Markt gepumpt haben. Dennoch: 20 Prozent Volatilität muss man am Aktienmarkt aushalten können.“  Mit noch einmal anderen Herausforderungen ist unterdessen die chinesische Wirtschaft konfrontiert. Niemand auf der Welt exportiert so viele Güter wie das Reich der Mitte. Entsprechend leidet China auch am stärksten unter den insbesondere von US-Präsident Donald Trump befeuerten Handelskonflikten zwischen den großen Wirtschaftsmächten und der durch die Zinswende beziehungsweise starken Wirtschaft in den USA einhergehenden Stärke des Dollar. „China hat in der Krise einen Fehler gemacht“, erläutert Pfingsten. „Sie dachten, sie können den Zolldrohungen begegnen, indem sie ihre Währung abwerten. Diese Taktik birgt jedoch ein Problem: Ein großer Teil der chinesischen Verschuldung ist in US-Dollar denominiert, daher ist der Aktienmarkt in China abgestürzt.“ Zwar stünden China als zweitgrößtem Gläubiger der USA durchaus Gegenmaßnahmen zur Verfügung, deren Wirkung sei allerdings womöglich begrenzt: „China hat bereits vier Monate in Folge US-Staatsanleihen verkauft, das hat jedoch nicht unbedingt geholfen“, so Pfingsten. Eine Einigung im Handelsstreit sei erst am Ende der „Eskalationsschraube“ zu erwarten. 

Fazit: 2019 verspricht ein spannendes Jahr für die Aktienmärkte zu werden, auch angesichts von Risiken wie der ausufernden italienischen Staatsverschuldung und des Chaos rund um die laufenden Brexit-Verhandlungen.

 

Die Blockchain professionalisiert sich

Spannung verspricht auch die weitere Entwicklung von Blockchains und Kryptowährungen. In die Trends auf diesem Markt gab Patrick Lowry, Managing Partner und CEO des auf Blockchain-Investments spezialisierten Venture-Kapitalgebers Iconiqlab, einen Einblick. Lowry zufolge gewinnen die so genannten Initial Coin Offerings (ICOs), also öffentliche Angebote von Geschäftsmodellen, welche auf Kryptowährungen basieren, trotz der Turbulenzen in diesem Bereich weiter an Bedeutung. Bei ICOs stellen Investoren Unternehmen, in der Regel jungen Startups, Finanzmittel zur Verfügung und erhalten im Austausch dafür sogenannte Tokens, die in der Regel als Kryptowährung dienen wie der bekannte Bitcoin oder einen bestimmten Zweck (Utility) erfüllen, etwa die Verifizierung von Transaktionen in der Blockchain. ICOs sind Lowry zufolge vor allem eine Alternative zu klassischen Mitteln der Frühphasen-Finanzierung wie etwa Venture Capital. Und diese Alternative ist sehr erfolgreich: Immerhin hätten ICOs bisher weltweit fast 30 Milliarden US-Dollar eingeworben, erläuterte der Experte. Dabei markierte das Jahr 2018 einen neuen Höhepunkt: Bisher wurden durch ICOs über 21,5 Milliarden US-Dollar erlöst – im Jahr zuvor waren es lediglich 6,6 Milliarden.

Für das Jahr 2019 setzt Lowry nun insbesondere auf eine Professionalisierung des Segments, bei der die sogenannten Security Tokens eine stärkere Rolle spielen könnten als bisher. Dabei werden klassische Finanzinstrumente wie Anleihen oder Vorzugsaktien mithilfe von Blockchain-basierten Smart Contracts geschaffen. „Darüber hinaus benötigen wir auch professionelle Standards für die Identititätsprüfung, das so genannte KYC, wir werden in mehreren Ländern einen klareren Rechtsrahmen für ICOs bekommen, und wir werden sehen, dass auch reifere Unternehmen als bisher sich mithilfe von ICOs finanzieren, bevor sie schließlich an die Börse gehen“, fasste Lowry zusammen. „Auf diese Weise werden klassisches Venture-Kapital und Token Sales kombiniert, bis sie schließlich eine Einheit bilden.“ 

Gerade auf lange Sicht prognostizierte Lowry denn auch eine glänzende Zukunft für die Krypto-Welt. „Krypto ist heute die am schnellsten wachsende Anlageklasse“, erläuterte er – und zitierte eine Studie des World Economic Forum, der zufolge bis 2027 Assets im Wert von 7,5 Billionen US-Dollar in Blockchains gespeichert sein werden. Und einer weiteren Studie von Gartner zufolge, soll die Blockchain-Technologie bis 2030 für Unternehmen einen Mehrwert von insgesamt 3,1 Billionen US-Dollar schaffen.

Marius