Wochenkommentar

Zinsängste belasten die Börse

15. Oktober 2018

Einer der Gründe für die jüngsten Marktturbulenzen waren steigende Zinsen in den USA und die Tatsache, dass die Rendite auf US-Treasuries über die Marke von 3,2 % gestiegen ist. Wenn man bedenkt, in welcher Phase des Konjunkturzyklus sich die US-Wirtschaft befindet und wie knapp das Arbeitskräfteangebot inzwischen ist, sind die Inflation und die Lohnsteigerungen in den USA aber in unseren Augen immer noch sehr niedrig. Wir gehen davon aus, dass die Inflation moderat steigt, aber nicht so stark, dass die Federal Reserve ihre geldpolitische Verknappung beschleunigt. 
In der Eurozone verharrt die Kerninflation in der Nähe von 1,0 %. Es wird viel darüber geredet, dass kräftigere Lohnsteigerungen zu einer höheren Inflation führen könnten. Doch während das in manchen Ländern stimmen mag, gibt es auf dem europäischen Arbeitsmarkt unserer Einschätzung nach immer noch viel ungenutztes Potential. Da das Wachstum in Richtung der Trendrate zurückgefallen ist, muss die Europäische Zentralbank ihre Inflationsprognosen unserer Meinung nach senken. 
 
US-Renditen versetzen die Aktienmärkte in Aufruhr 
Steigende Zinsen sind schlecht für die Aktienmärkte, weil damit sowohl die Fremdfinanzierungskosten steigen als auch die Diskontierungsfaktoren in den Bewertungsmodellen. Höhere Zinsen machen Aktien teurer. Deshalb hat die Aussicht auf höhere Zinsen zu den aktuellen Turbulenzen an den Märkten beigetragen. 
 
Entsprechend sind die Aktienmärkte in den vergangenen Handelstagen stark unter Druck geraten, wobei am Mittwoch eine Beschleunigung stattgefunden hat. Der S&P 500 und der Nasdaq fielen um 3,3 % beziehungsweise um 4,1 %. Auslöser waren vermutlich die Renditen auf US-Staatsanleihen, die in der vergangenen Woche auf den höchsten Stand seit Jahren gestiegen sind. 
Europas Aktienmärkte fielen im Wochenverlauf um über 4 % (Stoxx600 Index) – auch die Aktien aus Schwellenländern, insbesondere aus China, blieben stark unter Druck. In Schanghai (CSI300 Index) verzeichnete die Börse ein Wochenminus von über 7 %. 
 
Am Mittwoch fanden in erheblichem Umfang Gewinnmitnahmen bei besonders beliebten Aktien statt: In Europa fielen die Anteilscheine von Luxusgüterunternehmen; Kering büßte zum Beispiel 9,6 % ein, LVMH fiel um 7,1 %. In den USA zählten die Technologieaktien zu den Verlierern; die Netflix-Aktie verlor 8,3 %, Amazon fiel um 6,1 %. Apple und Microsoft gingen um mehr als 4 % zurück. 
 
Volatilität trotz guter Fundamentaldaten 
Ein weiterer Faktor, der zu den Turbulenzen beigetragen haben könnte, ist das politische Risiko im Zusammenhang mit dem Handelskonflikt. Für eine Lösung gibt es bisher kein klares Anzeichen. Im Gegenteil: Der Ton der Regierung Trump gegenüber China wird immer schärfer. In Verbindung mit den steigenden Renditen auf US-Staatsanleihen hat dies die Stimmung an den Finanzmärkten getrübt. 
Wir rechnen damit, dass sich die Volatilität in den kommenden Tagen fortsetzt, wenngleich die wirtschaftlichen Fundamentaldaten weiterhin erfreulich sind. Die US-Wirtschaft entwickelt sich mit einem Wachstum von rund 4,2 % gut. Europa und die Schwellenmärkte durchlaufen aktuell eine Schwächephase. Die guten Geschäftszahlen, die jetzt in der Berichtssaison zu erwarten sind, dürften den Investoren aber wieder etwas Zuversicht geben. 
 
Anleihen: Ist die Fed „verrückt“ geworden? 
US-Präsident Donald Trump macht die US-Notenbank Fed für die jüngsten Kursverluste an den Aktienmärkten verantwortlich und sagte, die Fed sei „verrückt geworden“. Damit macht er Fed-Chef Jay Powell, den er erst vor Kurzem ernannt hat, zum Sündenbock, falls seine Handels- und Steuerpolitik keinen Erfolg hat. 
 
Powell schlug vorletzte Woche in der Mitteilung der Fed einen restriktiven Ton an, der in Verbindung mit besseren US-Wirtschaftsdaten dazu geführt hat, dass die Zinsen in den USA gestiegen sind. Die US-Wirtschaft sei stark und werde noch sehr lange stark bleiben, sagte Powell. Seit 2017 hat die Fed fünf Zinserhöhungen durchgeführt; drei weitere sind unserer Einschätzung nach geplant. Darüber hinaus baut die US-Notenbank die Anleihepositionen ab, die sie im Rahmen ihrer Kaufprogramme aufgebaut hatte. Alles in allem hat dies den US-Dollar aufwerten lassen, und Trump will nicht, dass die USA dafür bestraft werden. 
 
Im Zuge der aktuellen Verkaufswelle an den Aktienmärkten sind auch US-Renditen etwas gefallen, aber die Marktteilnehmer machen sich weiter Sorgen. Womit ist an den Anleihemärkten zu rechnen? Wir gehen davon aus, dass die Fed im Juni nächsten Jahres bei 3 % den Zinserhöhungszyklus beendet, weil die fiskalischen Anreize 2019 nachlassen werden und die Inflation sich stark in Grenzen hält. Die 3-%-Marke dürfte 2019 auch für die Rendite auf 10-jährige US-Staatsanleihen ein guter Anhaltspunkt sein. Die aktuellen Kursverluste an den Aktienmärkten werden für die Fed Grund genug sein, vorsichtig vorzugehen und die Zinsen nicht zu schnell zu weit anzuheben. 
 
Darüber hinaus dürften europäische Unternehmensanleihen gefährdet sein, weil die Europäische Zentralbank nächstes Jahr ihr Anleihekaufprogramm beendet. Schuldtitel aus Schwellenländern hatten kein gutes Jahr und sind im Vergleich zu Hochzinstiteln relativ billig geworden. Daraus könnte eine Chance entstehen.Einer der Gründe für die jüngsten Marktturbulenzen waren steigende Zinsen in den USA und die Tatsache, dass die Rendite auf US-Treasuries über die Marke von 3,2 % gestiegen ist. Wenn man bedenkt, in welcher Phase des Konjunkturzyklus sich die US-Wirtschaft befindet und wie knapp das Arbeitskräfteangebot inzwischen ist, sind die Inflation und die Lohnsteigerungen in den USA aber in unseren Augen immer noch sehr niedrig. Wir gehen davon aus, dass die Inflation moderat steigt, aber nicht so stark, dass die Federal Reserve ihre geldpolitische Verknappung beschleunigt. 
 
In der Eurozone verharrt die Kerninflation in der Nähe von 1,0 %. Es wird viel darüber geredet, dass kräftigere Lohnsteigerungen zu einer höheren Inflation führen könnten. Doch während das in manchen Ländern stimmen mag, gibt es auf dem europäischen Arbeitsmarkt unserer Einschätzung nach immer noch viel ungenutztes Potential. Da das Wachstum in Richtung der Trendrate zurückgefallen ist, muss die Europäische Zentralbank ihre Inflationsprognosen unserer Meinung nach senken. 

Reinhard Pfingsten