Wochenkommentar

Unsicherheit bei der EZB nimmt zu

Italienische Regierungsbildung in der Schwebe und schwieriges Handelsabkommen zwischen USA und China

28. Mai 2018

Glaubt man dem Protokoll der April-Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB), halten die Notenbanker beim konjunkturellen Ausblick an ihrem bisherigen Szenario fest, räumen aber ein, dass die Unwägbarkeiten größer geworden sind. Hinsichtlich Inflation bleibt die EZB bei ihrer Einschätzung, dass „die Indikatoren für die zugrunde liegende Inflation in der Eurozone schwach bleiben und sich weitgehend seitwärts entwickelt haben“. Die schwachen Daten zur Kerninflation, die seit der Sitzung veröffentlicht wurden, dürften diese Einschätzung noch verstärkt haben. Doch die EZB bleibt zuversichtlich, dass sich „die Inflation auf mittlere Sicht nach und nach dem Ziel von knapp unter 2 % nähert“. 

Durch die Kombination aus der aktuellen Schwäche der zugrunde liegenden Inflation und der gestiegenen Unsicherheit in Bezug auf den Ausblick beim Wirtschaftswachstum spricht einiges dafür, dass die EZB ihre lockere Geldpolitik nur sehr langsam zurückfahren wird. Wir gehen davon aus, dass die EZB im Juli einen Fahrplan für das Ende ihres Anleihekaufprogramms vorlegt. Wir rechnen mit einer Auslaufphase von 6 Monaten (3 Monate mit einem Kaufvolumen von EUR 20 Mrd. pro Monat und drei Monate mit EUR 10 Mrd.); das bedeutet die Nettoanleihekäufe werden erst im März 2019 enden. Die erste Zinserhöhung dürfte unserer Einschätzung nach nicht vor dem zweiten Halbjahr 2019 erfolgen (10 Basispunkte im September, weitere 10 Basispunkte im Dezember). Mit der jüngsten Schwäche der Wirtschaftsdaten ist jedoch das Risiko gestiegen, dass die Zinserhöhungen sogar noch später einsetzen als in unserem Basisszenario prognostiziert. 

Italienische Regierungsbildung in der Schwebe

Die Anleihemärkte werden weiterhin von den politischen Risiken getrieben, die von Italien ausgehen; dort bemühen sich die Parteien Lega Nord und 5-Sterne-Bewegung eine neue Regierung zu bilden. Deren neuer Ausgabenplan in Höhe von rund 6 % des BIP wird die langfristige Kreditwürdigkeit des Landes belasten. Glücklicherweise hat es die Idee einer Schuldenerleichterung um EUR 250 Mrd., von der in einem inoffiziellen, an die Öffentlichkeit gelangten Entwurf die Rede war, nicht in den endgültigen Koalitionsvertrag zwischen den beiden Parteien geschafft. Doch eine Regierungsbildung ist weiterhin unklar. Der Rechtsanwalt Giusepee Conte als designierter neuer Ministerpräsident hat sein Mandat niedergelegt. Ausschlaggebend hierfür war das Veto des italienischen Präsidenten Mattarella, in Bezug auf die Ernennung des euroskeptischen Hardliners Paolo Savona zum Finanzminister. 

Die Risikoaufschläge auf 10-jährige italienische Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen stiegen zeitweise auf über 190 Basispunkte; vergangene Woche waren es noch 130 Basispunkte gewesen. In der Folge verloren auch andere europäische Staatsanleihen an Boden. Deutsche Bundesanleihen haben von den Turbulenzen und von der Flucht in sichere Werte deutlich profitiert. Die Rendite ist unter die Marke von 50 Basispunkten gesunken. Die Renditen auf US-Staatsanleihen profitierten von einem stärkeren US-Dollar, fielen dann aber ebenfalls und erreichten trotz der neuen Steuerreformankündigungen von US-Präsident Trump unter 3 %. Auslöser der Risikoscheu sind eine Kombination aus geopolitischen und fundamentalen Entwicklungen in Europa und Nordkorea sowie neue Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Handelsabkommen mit China. 

USA, China und Iran 

An den Aktienmärkten hat vergangene Woche die Volatilität zugenommen. Die Woche begann mit leichten Kursgewinnen, am Mittwoch sind die Märkte in Europa und in Schwellenländern dann aber gefallen. In Europa verzeichneten italienische Aktien die größten Verluste, nachdem Pläne aus den Koalitionsverhandlungen an die Öffentlichkeit kamen. Bei den Schwellenländern waren türkische, brasilianische, indische, südafrikanische und osteuropäische Aktien die größten Verlierer. Der türkische Markt litt unter der fortlaufenden Lira-Schwäche. 

Ein weiteres wichtiges Thema der vergangenen Woche war das mögliche Handelsabkommen zwischen den USA und China. US-Finanzminister Steven Mnuchin hatte am Sonntag der vergangenen Woche verlautet, die Regierung habe beschlossen, die vorgeschlagenen Zölle auf Eis zu legen, bis ein Rahmen für Verhandlungen mit China über Handelsthemen etabliert werde. Einen Tag später kündigte die chinesische Regierung an, die Importzölle auf Autos ab dem 1. Juli von 25 % auf 15 % zu senken. Die niedrigeren Zölle sollen nicht nur amerikanische Autos sondern Modelle aller Hersteller weltweit betreffen. In der Folge verzeichneten die Aktien von BMW und Tata Motors (bekannt für Jaguar Landrover) die größten Kursgewinne seit einem Monat. Am Mittwoch sagte Trump jedoch, das Handelsabkommen zwischen den USA und China sei möglicherweise zu schwierig, um wirklich umgesetzt werden zu können. 

Mögliche Sanktionen für den Iran wirkten ebenfalls negativ an den Märkten, würden sie doch das weltweite Handelsvolumen drücken. Von 2010-2015 gingen durch die Iran-Sanktionen USD 77 Mrd. an Handelsvolumen verloren. Den größten Schaden hatten europäische Länder, Südkorea und Japan, während amerikanische Unternehmen nur geringfügig betroffen waren.

 

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