Wochenkommentar

Zwei Schritte vor, einen zurück

19. November 2018

Das Brexit-Drama ging auch in der vergangenen Woche weiter. Großbritanniens Premierministerin Theresa May einigte sich mit der EU auf eine Austrittsvereinbarung, die zumindest das britische Kabinett unterstützt. Ob auch das Parlament zustimmt, bleibt aber abzuwarten, denn es gibt nach wie vor viel Kritik von Brexit-Befürwortern. Einige hochrangige Mitglieder der Konservativen Partei bereiten eine Vertrauensfrage vor, um May abzusetzen. 

Wie es jetzt weitergeht, lässt sich schwer abschätzen. Unseren Informationen zufolge hat May gute Chancen, den Machtkampf in ihrer Partei zu überstehen. Ob ihre Austrittsvereinbarung auch durchs Parlament kommt, bleibt abzuwarten. Die parlamentarische Debatte wird sehr emotional geführt. Hier nutzen die Abgeordneten ihre Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Wenn es dann aber um die tatsächliche Abstimmung geht, müssen und werden sie abwägen, welche Alternativen sie haben. 

Die Vereinbarung abzulehnen, würde ein beträchtliches Chaos auslösen. Dann steht zu befürchten, dass Großbritannien ohne Vertrag aus der EU ausscheidet, und das wäre ein Schock für die Wirtschaft. Außerdem könnte eine Ablehnung der Brexit-Vereinbarung zu Neuwahlen führen - möglicherweise könnte die Labour-Partei die Mehrheit erlangen und Jeremy Corbyn Theresa May als Premierminister ablösen. Deshalb gehen wir in unserem Basisszenario davon aus, dass das britische Parlament der Vereinbarung letztlich zustimmt, diese Prognose ist aber mit einer relativ großen Unsicherheit verbunden. Die Wahrscheinlichkeit einer politischen Pattsituation und eines chaotischen Austritts ist beträchtlich. 

Aktien: eine hektische Woche

Nach den Zwischenwahlen in den USA hat die Erleichterung an den Aktienmärkten nicht lange angehalten. Den Großteil der vergangenen Woche waren die Aktienmärkte im negativen Bereich. In Europa haben politische Nachrichten die Schlagzeilen dominiert. 
Der Brexit aber auch Italien standen weiterhin im Mittelpunkt. Italiens Ministerpräsident Guiseppe Conte hat die Europäische Kommission darüber informiert, dass Italien an seinem Haushaltsdefizit und an seinen Prognosen für das Wirtschaftswachstum festhalten will. Die BIP-Prognose der italienischen Regierung liegt deutlich über der vergangene Woche veröffentlichten Prognose des Internationalen Währungsfonds, was bedeutet, dass die Europäische Kommission ein Verfahren einleiten könnte. 
Beim Öl haben wir in der vergangenen Woche ein Ende der jüngsten Verkaufswelle gesehen, nachdem der Preis für WTI-Öl zwölf Tage in Folge gefallen war. Abgesehen von der negativen Marktstimmung und der jüngsten Aufstockung der amerikanischen Ölbestände haben die USA auch angekündigt, acht Länder von den Sanktionen gegen den Iran auszunehmen. Dies hatte zur Folge, dass sich der MSCI-World-Energy-Index schlechter entwickelte als der breitere Markt. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass die Nachfrage nach Öl 2019 relativ hoch sein wird und die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) die Produktion etwas drosseln könnte, was die Ölpreise stützen würde. Deshalb halten wir an unserer Übergewichtung des Energiesektors fest. 
Die Berichtssaison für das dritte Quartal neigt sich dem Ende zu. In den USA haben mehr als 90 Prozent der Vertreter des S&P-500-Index ihre Quartalszahlen veröffentlicht, und mehr als 80 Prozent dieser Unternehmen haben die Gewinnerwartungen übertroffen. 

Anleihen: Ein Drahtseilakt 

Die Risikobereitschaft der Investoren bestimmt weiterhin die Entwicklung der Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen innerhalb der Handelsspanne zwischen 3,12 und 3,335 %. Vergangene Woche verlagerte sich der Fokus auf den leichten Rückgang der Rendite auf zwei-jährige US-Staatsanleihen. 
Neben der Risikobereitschaft hat auch der jüngste Rückgang der Ölpreise zu einer niedrigeren Anleiherenditekurve beigetragen, weil sich dadurch eine geringere Auswirkung auf die US-Inflation und auf den Wachstumsausblick ergibt. Die Rendite auf zehn-jährige US-Staatsanleihen liegt immer noch deutlich über dem Niveau vom Sommer. 

Interessant ist allerdings der leichte Rückgang der Rendite auf zwei-jährige US-Staatsanleihen. Dies hat zur Folge, dass sich die Renditekurve von US-Staatsanleihen (abgebildet über die Differenz aus zwei- und zehn-jährige Renditen auf Staatsanleihen) nicht mehr weiter verflacht. Der Renditeunterschied zwischen zwei- und zehnjährigen Titeln liegt momentan bei rund 25 Basispunkten (Bp). Das entspricht den 25 Bp, um die die Federal Reserve (Fed) nächsten Monat die Leitzinsen erhöhen dürfte. 
Diesen Unterschied zu steuern, ist eine Gratwanderung. In früheren Zyklen folgte neun bis zwölf Monate nach einer Inversion der Renditekurve eine Rezession. Steigt die Rendite auf zwei-jährige US-Staatsanleihen zu schnell, könnten die Märkte dies als Zeichen dafür werten, dass der Konjunkturzyklus demnächst endet und eine Rezession folgt. 

Von so einer Ausgangssituation sind wir unseren Volkswirten zufolge weit entfernt. Es ist noch keineswegs sicher, dass es zu einer Inversion kommt. Wenn sowohl die Aktienmärkte als auch die Ölpreise so sehr unter Druck bleiben wie in letzter Zeit, könnten die Renditen auf zwei-jährige US-Staatsanleihen sogar noch etwas weiter zurückgehen, aber nur vorübergehend, weil die Fed bereits deutlich gemacht hat, dass sie ihren Zinserhöhungszyklus fortsetzen will. Die Renditen am kurzen Ende der Kurve scheinen vorerst ein sicherer Trade, weil risikobehaftete Vermögenswerte momentan eine Korrektur erleben. 

Reinhard Pfingsten